WOHNEN FÜR ALLE?

WOHNEN FÜR ALLE?

Als Teil des Rechts auf angemessenen Lebensstandard ist das right to housing bereits in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und dem Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (UN-Sozialpakt) von 1966 verankert, der 1976 in Kraft trat.

Das Menschenrecht auf Wohnen fordert, erstens, dass hinreichend Wohnraum, inklusive der notwendigen Infrastrukturen wie Strom und Wasser, verfügbar sein soll. Ungeachtet der Form der Unterkunft soll, zweitens, allen Menschen der rechtliche wie faktische Schutz vor staatlichen und privaten Eingriffen in ihren Wohnraum gewährt werden. Der Schutz bezieht sich nicht nur auf Wohneigentum und -miete, sondern auch auf Not- und Flüchtlingsunterkünfte sowie auf informelle Siedlungen. Über das Recht auf Wohnsitzfreiheit hinaus muss, drittens, der Zugang zu Wohnraum prinzipiell allen offenstehen und darf nicht bestimmten Gruppen in diskriminierender Weise vorenthalten werden. Auch sollen die Unterkünfte bezahlbar sein, ohne dass andere Grundbedürfnisse darunter leiden. Der Wohnraum soll, viertens, Mindestbedingungen an Bewohnbarkeit, Gesundheit und Sicherheit erfüllen und der kulturell bedingten Vielfalt des Wohnens Rechnung tragen. Völkerrechtlich gesehen, trägt der Staat die Hauptverantwortung für die Umsetzung des Menschenrechts (wobei es keine Rolle spielt, wie die Kompetenzen innerhalb des jeweiligen Staates verteilt sind).

Wohnen für alle? 

Zumindest laut Allgemeiner Erklärung der Menschenrechte von 1948 und dem UN-Sozialpakt von 1976 ist das Recht auf Wohnen als Teil des Rechts auf angemessenen Lebensstandard verankert.

Doch wie sieht die Realität hier in Deutschland, Bayern, Augsburg aus? Was bedeutet es tatsächlich für benachteiligte Gruppen wie, Menschen mit Fluchtgeschichte, Großfamilien, Alleinerziehende oder Asylbewerber, wenn es darum geht, eine neue Bleibe zu finden – eigene vier Wände, die ein gewisses Maß an Sicherheit und Geborgenheit bedeuten? 

Dies und die immer wiederkehrenden Schlagzeilen und Fernsehberichte über die kritische Situation auf dem Wohnungsmarkt haben uns dazu veranlasst tiefer in die Materie einzutauchen und die Situation hier in Augsburg etwas näher zu beleuchten. 

Die Arbeit an diesem Thema und Vorbereitungen für unseren Beitrag begann mit einem dreitägigen Workshop für Sprachkursteilnehmenden des BBZ -  „Do´s and Dont´s bei der Wohnungssuche“ gemeinsam mit dem Wohnprojekt Augsburg – Christine von Gropper und Corinna Höckesfeld. Schnell merkten wir, dass dieses Thema definitiv zu vielschichtig und brisant ist, um nur kurz angeschnitten zu werden. Wir trafen viele interessante Menschen rund um das Wohnprojekt Augsburg und Tür an Tür e.V. – Verantwortliche, Wohnungssuchende, Ehrenamtliche HelferInnen, VermieterInnen – die ihre Erfahrungen rund um das Thema Wohnungssuche mit uns teilen wollten. 

Und hier möchten wir Euch die Hauptprotagonisten und Projekte unseres Beitrags vorstellen:

Das Wohnprojekt Augsburg:

Das „Wohnprojekt Augsburg“ ist eine Kooperation der Tür an Tür-Integrationsprojekte gGmbH und des Diakonischen Werkes Augsburg e.V.. Hier arbeiten Menschen ehrenamtlich und hauptamtlich Hand in Hand um Geflüchteten und Neuzugewanderten bei der Wohnungssuche zu helfen und ihnen unter anderem im bürokratischen Dschungel der Mietobergrenzen, Übergabeprotokollen oder Wohngeldanträge mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Denn auf dem hart umkämpften Wohnungsmarkt ist es mit mangelnden Sprachkenntnissen natürlich um ein Vielfaches schwieriger, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen.

Mehr Informationen über das Wohnprojekt Augsburg und dessen Angebote findet Ihr hier:

Wertvolle Informationen und Downloads des Projekts gibt es hier:

Zu den hauptamtlichen Mitarbeitern des Projekts gehören unter anderem:

Christine von Gropper: Integrationslotsin Landkreis Augsburg im Wohnprojekt / Diakonie

Christine fasst in unserem Beitrag kurz für Euch zusammen, wie die Mietkurse des Wohnprojekts ablaufen und welche Themen angesprochen werden. Außerdem erklärt sie, dass das Projekt auch den Vermietern beratend zur Seite steht und was das im Einzelnen bedeutet.

Corinna Höckesfeld: Integrationslotsin Stadt Augsburg im Wohnprojekt / Tür an Tür

„Ein wichtiger Aspekt ist, dass wir uns für ein Recht auf Wohnen für alle in der Stadt Augsburg einsetzen“

Angeline Bretonville: Flüchtlings- und Integrationsberatung Wohnprojekt Augsburg

Sie lässt uns an ihren eigenen Erfahrungen bei der Wohnungssuche teilhaben und verrät, welche Rolle ihr französischer Akzent dabei spielte. Darüber hinaus erklärt sie kurz, wie Ihr Euch bei der Wohnungsbesichtigung am besten verhalten und was Ihr besser nicht machen solltet.

„Der Vermieter will, dass Du Dich interessierst, dass Du nachfragst. Das ist der Knackpunkt.“

Hedwig Paret: Flüchtlings- und Integrationsberatung Wohnprojekt Augsburg

Gibt uns einen Einblick in die aktuelle Wohnsituation in Asylunterkünften:

So schlimm wie in den 1990ern im Fabrikschloss sehen die Unterkünfte zwar nicht mehr aus, doch noch immer leben die Menschen auf engstem Raum zusammen. Das ist vor allem problematisch, wenn Kinder und Jugendliche für die Schule oder Ausbildung lernen wollen. Wie schwierig es ist, unter derart beengten Umständen in der Schule zu funktionieren, zeigte sich nicht zuletzt während der Pandemie und den Phasen der Schulschließungen. 

„Es wird nicht gesehen, dass kein Internet da ist, kein Schreibtisch, usw.“

Simon Oschwald: Leitung Referat Migration/ Diakonie Augsburg 

Simon Oschwald, der seit vielen Jahren in der Migrationsberatung tätig ist, erklärt Euch, welche Probleme vor allem neuzugewanderte Menschen bei der Wohnungssuche haben. Oftmals sind es vor allem die deutsche Bürokratie und fehlende Sprachkenntnisse, die Menschen mit Zuwanderungsgeschichte vor besondere Herausforderungen stellen.

Die ehrenamtlichen Unterstützer:

Günter Zanker: 

Zanker war lange Jahre im Bereich Gewerbeimmobilien tätig und unterstützt jetzt Menschen ehrenamtlich bei der Wohnungssuche – wenn´s hart auf hart kommt hilft er auch schon einmal beim Einbau der Küche oder dem Möbeltransport. Sein Tipp für die Wohnungssuche: Traut Euch und ruft bei den Vermietern an! Denn per E-Mail bewerben sich hunderte weitere Interessenten.

„Mich hat schon immer diese Ungerechtigkeit auf dem Wohnungsmarkt gestört.“

Marina Heim: 

Spricht u.a. die Problematik an, dass viele Menschen, die Zuflucht in Deutschland suchen, oft viele Jahre lang gar nicht dazu berechtigt sind, privat eine Wohnung zu mieten.


„Man freut sich doch jedes Mal, wenn man wieder jemanden helfen konnte.“

Jutta Kleber-Gigler: 

Sie half unter anderem zwei jungen Frauen, die nicht lesen und schreiben konnten, erfolgreich bei der Wohnungssuche und erklärt, dass sich ihre Hilfe nicht nur auf die Wohnungssuche an sich und allem was dazu gehört – wie Internetrecherche, E-Mails schreiben, usw. – beschränkt. Sie hilft zum Beispiel auch bei der schriftlichen Kommunikation mit Behörden.

„Als ich hier angefangen habe wusste ich nichts über Flüchtlinge.“

TÜR AN TÜR e.V. / Tür an Tür gGmbH

Mit dem Thema „Wohnen“ fing für den mehrfach preisgekrönten Verein 1992 alles an – er plante eine Wohnanlage, in der Studierende und Geflüchtete Tür an Tür wohnen sollten und übernahm einige Jahre später das Europadorf in Hochzoll. Außerdem setzte sich Tür an Tür Mitte der 90er Jahre für die Wiedereröffnung des „Augsburger Wohnbüros“ - ein Unterstützungsangebot für sozial benachteiligte Menschen auf Wohnungssuche - ein.

Doch das Hilfsangebot von Tür an Tür beschränkt sich längst nicht mehr auf das Thema Wohnen und Wohnungssuche – die Tür an Tür Integrationsprojekte gGmbH umfasst ebenso die Bereiche „Freiwilligenarbeit“ oder „Bildung und Arbeit“ und bietet im Rahmen unterschiedlicher Projekte u.a. Unterstützung für die Anerkennung ausländischer Abschlüsse an. Sprachkurse und die Begleitung bei Behördengängen oder bei der Wohnungssuche ergänzen das Angebot für Geflüchtete.

Mehr Informationen zur Geschichte und den Projekten von Tür an Tür findet Ihr hier:

Thomas Körner-Wilsdorf: Vorstand Tür an Tür e.V.

In unserem Film erklärt Körner-Wilsdorf, wie er sich gleichberechtigtes Wohnen für die Stadt Augsburg vorstellt. „Dass Kinder ihr Weltbild nicht in einer Art Ghetto formen (…).“

Außerdem stellt er Euch am Ende unseres Films gemeinsam mit Frau Kamm das Europadorf Hochzoll vor. 

„Es ist eine extrem ungleiche Verteilung von Wohnraum.“

Thomas Wilhelm: Koordination Laufbahnberatung bei Tür an Tür

Thomas gibt in unserem Beitrag einen kurzen Einblick in das Leben in einer Asylunterkunft Anfang der 1990er Jahre hier in Augsburg. Für die Recherchearbeiten zu seiner Diplomarbeit lebte er damals 6 Wochen in der Asylunterkunft „Fabrikschloss“– gemeinsam mit 750 Männern aus 40 Nationen. Im Unterschied zu ihm, mussten die Menschen oftmals für viele Jahre auf engstem Raum und unter schwierigen hygienischen Bedingungen dort wohnen. Thomas erzählt von den damaligen Zuständen in dieser Unterkunft: „Es war krass.“

„Es macht keinen Unterschied, woher jemand kommt. Wenn Menschen hier leben, gibt es einfach Mindeststandards, die erfüllt sein müssen.“

Doch wie ist es eigentlich wirklich, als Mensch, der neu in Deutschland ist oder ausländische Wurzeln hat, in Deutschland eine Wohnung zu finden?

Wird man tatsächlich aufgrund seiner Herkunft auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert?

Wir haben nachgefragt.

Diese Menschen erzählen euch in unserem Film, wie es tatsächlich ist, als Mensch mit Zuwanderungsgeschichte in Augsburg eine Wohnung zu finden: 

Hekmat Al Hakim:

„Ohne die Tür an Tür-Familie hätte ich es nicht geschafft eine Wohnung zu finden.“

Anna Höfner:

Sie ist überzeugt:

„Dass ich einen Akzent habe könnte schon eine Rolle spielen, ob ich überhaupt zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen werde.“

„Es war für mich überraschend, als ich nach Deutschland kam, welche Anforderungen die Vermieter an die Interessenten stellen.“ 

Güleser Polat:

Güleser fand zufällig heraus, dass die Wohnung, die sie unbedingt haben wollte, doch nicht vergeben war – der Grund für die Absage war ein anderer…

„Mein ganzes Leben hat sich in Deutschland abgespielt. Ich habe zuhause mehr Deutsch gesprochen als Türkisch. Und dann doch das Gefühl zu bekommen, Du wirst doch ausgeschlossen – das ist bitter.“

Düzgün Polat: Interkulturelle Öffnung und Diversity Management, Tür an Tür gGmbH

Düzgün, zuständig für Interkulturelle Öffnung und Diversity Management bei Tür an Tür gGmbH war an der Erarbeitung einer aktuellen Online-Umfrage zum Thema „Diskriminierungserfahrung bei der Wohnungssuche in Augsburg“ beteiligt. Sie soll helfen, die Umstände von Diskriminierung besser einordnen zu können.

Weitere Informationen zur Umfrage findet Ihr hier:

Auch Düzgün selbst erlebte Diskriminierung bei der Wohnungssuche:

„Nee, doch keinen Ausländer!“

Dachte der Vermieter beim Besichtigungstermin. Im Film erfahrt Ihr woher Düzgün das weiß und wie die Story weiterging.

„Nee, doch keinen Ausländer!“

Yasar Dogan:

Nach einem Telefonat mit dem Vermieter kommt es bei der Wohnungsbesichtigung zu Irritationen – „Sie sind aber kein Deutscher“, stellte der Vermieter fest. Die Einzelheiten, ob Yasar die Wohnung bekommen hat und von einer aufschlussreichen Begegnung mit einer älteren Dame auf dem Land erzählt Yasar in unserem Film.

„Sie sind aber kein Deutscher“

Natürlich wollten wir auch mehr über die Perspektive der Vermieter erfahren. Haben oder hatten sie Vorbehalte gegenüber Geflüchteten als Mieter? Und warum haben sie sich letztlich dafür entschieden an Geflüchtete zu vermieten?

Laura Weber-Köttker und Helmut Beyer schildern uns ihre ganz individuellen Beweggründe:

Laura Weber-Köttker:

Hat mittlerweile drei Mieter mit Zuwanderungsgeschichte und erklärt Euch, welche Vorteile das in ihrem Fall hatte. Sie sagt, die Tatsache, dass sie vom Wohnprojekt betreut wurden, war mit ein Grund sich gerade für diese Mieter zu entscheiden:

„Das macht einfach ein gutes Gefühl, wenn man weiß, da steht jemand dahinter der hilft.“

Helmut Beyer:

„Ich habe mich an die Geschichte meiner Eltern erinnert und mir gedacht: Wir vermieten das Haus an Menschen, die es brauchen.“

 

Ihr habt eine Wohnung und wollt sie gezielt an Geflüchtete vermieten? Das Wohnprojekt unterstützt Euch dabei – wie genau könnt Ihr hier nachlesen: 

Last but not least stellen wir Euch am Ende unseres Films noch ein Musterbeispiel für multikulturelles Zusammenleben vor – das Europadorf Hochzoll:

Das Europadorf Hochzoll existiert seit 1957. Die ursprüngliche Idee der Europadörfer hatte Pater Dominique Pire in der Nachkriegszeit. Die Dörfer stehen für ein friedliches Miteinander und menschenwürdiges Wohnen.

Und so fanden zunächst überwiegend sogenannte „Displaced Persons“ aus Russland, Ungarn oder der Ukraine –später vietnamesische und laotische Boatpeople oder russische Juden - im Europadorf eine neue Heimat. Heute werden die 35 Wohnungen an Menschen vermietet, die es auf dem Augsburger Wohnungsmarkt schwer haben – wie beispielsweise Alleinerziehende oder auch Familien mit 3 oder mehr Kindern. Ein ganz besonderes Projekt in Augsburg, das zeigt – Multikulti und generationsübergreifendes Wohnen kann funktionieren.

Noch mehr Informationen zum Europadorf gibt es hier:

Christine Kamm: Stadträtin und Geschäftsführung Europadorf

Christine Kamm ist ehemalige Landtagsabgeordnete für Bündnis 90 / die Grünen und Mitbegründerin sowie Geschäftsführerin der Tür an Tür gGmbH und Leiterin des Europadorfs in Augsburg Hochzoll, das sie ehrenamtlich betreut.

 „Wir vermieten an Menschen die auf dem Augsburger Wohnungsmarkt kaum eine Chance haben.“

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